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Das aktuelle Marktgeschehen im Blick
Donnerstag, 23.04.2026
von Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank
DAX kommt ins Rutschen – Zittern im Irankonflikt hält an
Die V‑förmige DAX‑Erholung hat eine schnelle Einigung im Irankonflikt vorweggenommen. Es wird nun immer klarer, dass es diese in dieser Form nicht geben wird. Auf dem Parkett macht sich Ernüchterung breit. Die Anleger müssen erkennen, dass sie kurzfristig vielleicht zu optimistisch gewesen sind. Der Stillstand in den Verhandlungen führt nun auch zu einem Stillstand in der Rally im DAX.
Ölpreis als Stimmungssensor
Das anhaltende Zittern im Irankonflikt findet seinen Ausdruck in einem Ölpreis, der den vierten Tag in Folge steigt und sich über 100 Dollar etabliert. Hohe und steigende Energiepreise sind für Deutschland als Importeur von Energie belastend. Die Messlatte für weitere Kurssteigerungen im DAX hängt hoch. Ein Waffenstillstand allein genügt nicht mehr. Anleger fordern nun eine klare Perspektive für Frieden.
Diplomatie nicht ohne Rückschläge
Die Schließung der Straße von Hormus war unerwartet, und nachdem es nun dazu gekommen ist, wird die Rückkehr zum Normalzustand nicht einfach zu erreichen sein. Was wir gerade sehen, ist, dass sich Anleger auf einen längeren Weg zum Frieden einstellen, und das kann auch noch mit weiteren Kursverlusten bei Aktien einhergehen. Der Ölpreis könnte zunächst weiter steigen, bevor er wieder fällt. Und wenn er fällt, wird Öl wohl für Jahre teurer bleiben, als hätte es den Irankrieg nicht gegeben.
Ein dauerhaft veränderter Ölmarkt
Was wir sehen, ist eine strukturelle Verschiebung. Die OPEC‑Staaten werden mehr Einnahmen für ihre Aufrüstung benötigen und nicht an einem tiefen Ölpreis nach dem Irankonflikt interessiert sein. Es wird Jahre benötigen, um die entstandenen Kriegsschäden zu beheben. Außerdem war schon vor dem Irankonflikt absehbar, dass das Ölförderwachstum außerhalb der OPEC‑Staaten nur begrenzt sein wird. All das führt zu einer fundamentalen Verschiebung am Ölmarkt, die sich über mehrere Jahre auswirken könnte.
Jochen Stanzl ist Chefmarktanalyst der Consorsbank.
Zuvor war er zehn Jahre lang bei einem Broker in Frankfurt tätig und ist Mitgründer der stock3 AG, deren Aufsichtsratsmitglied er bis heute ist. Für die Kunden der Consorsbank teilt er seit November 2025 seine Börsenerfahrung von fast einem Viertel Jahrhundert.
Rechtliche Hinweise
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Gold gilt traditionell als "sicherer Hafen". Umso erstaunlicher wirkt es, wenn der Preis in einer Zeit geopolitischer Spannungen fällt. Dahinter stecken mehrere Gründe, die auch über 2026 hinaus wichtig bleiben könnten.
Ein wichtiger Punkt ist das Verhalten großer Käufer. Zum Beispiel hat Polen in den vergangenen Jahren massiv Gold aufgebaut. Jetzt aber diskutiert die Regierung offen darüber, Teile dieser Bestände zur Finanzierung steigender Rüstungsausgaben zu verkaufen. Solche politischen Eingriffe verändern die Stimmung am Markt: Wird aus einem großen Käufer plötzlich ein möglicher Verkäufer, kann das den Preis drücken. Gleichzeitig sorgt die Auseinandersetzung zwischen polnischer Regierung und Zentralbank für zusätzliche Unsicherheit, weil sie das Prinzip der geldpolitischen Unabhängigkeit berührt.
Auch Russland hat Gold verkauft, um fehlende Einnahmen aus Öl und Gas auszugleichen. Dieser Verkaufsdruck könnte aber nachlassen: Denn wenn US-Sanktionen gelockert werden und die Ölpreise steigen, verdient Russland wieder mehr. Höhere Energieerlöse entlasten den Staatshaushalt – und reduzieren den Zwang, Reserven wie Gold zu verkaufen.
Hinzu kommt der geldpolitische Ausblick. Sowohl in Europa als auch in den USA steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Notenbanken die Leitzinsen anheben oder dies zumindest vorbereiten. Steigende Zinsen erhöhen die Attraktivität verzinslicher Anlagen – und machen Gold, das keine laufenden Erträge bietet, weniger interessant.
Gleichzeitig wird der US-Dollar stärker. Das liegt weniger an einer besonders starken Wirtschaft, sondern daran, dass viele Anleger eine sichere und gut handelbare Option für ihr Geld suchen. Trotzdem belastet ein stärkerer Dollar den Goldpreis, weil Gold global in Dollar gehandelt wird.
Schließlich hat Gold zuvor sehr schnell sehr stark zugelegt. Der Anstieg um über 2.100 US-Dollar von September 2025 bis Januar 2026 – also binnen kürzester Zeit – wirkte überzogen. Jetzt wird ein Teil dieser Bewegung wieder korrigiert. Auffällig ist zudem, dass Gold zunehmend, wie ein risikoreiches Investment agiert: Steigt die Unsicherheit abrupt, fällt der Preis mitunter zusammen mit Aktien. Die klassische „sicherer Hafen“-Funktion ist daher aktuell überlagert durch den Bedarf, spekulative Exzesse des alten Jahres abzubauen.
Das bedeutet aber nicht, dass Gold seinen Status als „sicherer Hafen“ verloren hat. Vielmehr erlebt der Markt eine Art technische Bereinigung. Kurzfristig bleibt der Preis schwankungsanfällig, langfristig könnte Gold aber weiter glänzen.
Regelmäßige aktuelle Einschätzungen finden Sie auf Consorsbank – YouTube – Marktkommentare von Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst Consorsbank.