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Das aktuelle Marktgeschehen im Blick
Dienstag, 12.05.2026
von Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank
DAX: Resilienz alleine macht keine gute Investment-Story - hält die 200-Tage-Linie?
Ohne eine klare Abwärtstendenz im Ölpreis scheint im DAX kein Kaufinteresse mehr aufzukommen. Die Unternehmen zeigen in der laufenden Berichtssaison, dass sie mit den hohen Energiepreisen arbeiten können, doch Resilienz allein macht noch keine attraktive Investmentstory. An der Wall Street könnten die Aktien hingegen weiter steigen, getrieben von Privatanlegern, die auf einen Kursrückgang zum Nachkaufen gewartet haben, der jedoch einfach nicht kommen mag. Während in Frankfurt die Angst vor weiter fallenden Kursen Käufer abhält, treibt die Angst, etwas zu verpassen, die Anleger in New York und Asien zunehmend in Aktien.
Historische Situation am Ölmarkt
Wir erleben eine historische Energiekrise. Den Märkten fehlen Vergleichswerte aus der Vergangenheit, weshalb es schwerfällt, diese Situation angemessen zu bewerten. Fakt ist: Die Weltwirtschaft verbraucht mehr Öl, als geliefert wird – die Lagerbestände sinken also. Ebenso klar ist, dass die Probleme bereits einsetzen werden, lange bevor die Lagerbestände auf null gefallen sind. Dieses operative Minimum liegt deutlich über diesem absoluten Nullpunkt. Es wird also einen Punkt geben, an dem es nicht mehr möglich sein wird, die Blockade der Straße von Hormus zu ignorieren.
Zeitfenster der Spekulation
Niemand kann sagen, ob dieser Zeitpunkt bald, in einem Monat oder erst später eintreten wird. Genau dadurch entsteht ein Zeitfenster, das von Anlegern für Spekulationen in KI-Aktien genutzt wird. Da die Zentralbanken keinen Schwenk hin zu einer restriktiveren Geldpolitik vollzogen haben und die Hyperscaler in der Berichtssaison bestätigt haben, dass sie tatsächlich nahezu zwei Milliarden Euro pro Tag in Datenzentren und den Ausbau von KI investieren wollen, nutzen Anleger dieses sich öffnende Zeitfenster, um verstärkt in Aktien dieses Sektors zu investieren. Die Kurse steigen teilweise beinahe vertikal. Niemand kann sagen, wann solche Kursbewegungen enden werden. Allerdings haben sogenannte Fahnenstangen-Charts in der Vergangenheit oft damit geendet, dass die Kurse auch ohne konkrete Nachrichten plötzlich und abrupt gefallen sind. Die Gefahr besteht darin, dass die kurzfristig steile KI-Rally keine Ausnahme darstellen wird.
Jochen Stanzl ist Chefmarktanalyst der Consorsbank.
Zuvor war er zehn Jahre lang bei einem Broker in Frankfurt tätig und ist Mitgründer der stock3 AG, deren Aufsichtsratsmitglied er bis heute ist. Für die Kunden der Consorsbank teilt er seit November 2025 seine Börsenerfahrung von fast einem Viertel Jahrhundert.
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Die Straße von Hormus ist eine schmale Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Rest der Welt. Was weit weg klingt, hat direkte Folgen für unseren Alltag. Denn durch diese Passage wird rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und Gases transportiert. Wird sie blockiert oder unsicher, spürt das die ganze Welt sofort.
Seit dem Krieg zwischen den USA und dem Iran steht die Straße von Hormus im Zentrum der Aufmerksamkeit. Tanker fahren nur zögerlich oder gar nicht. Versicherungen sind teuer, Crews fühlen sich unsicher. Die Folge: Weniger Öl, Gas, Helium und Düngemittel erreichen den Weltmarkt. Und wenn das Angebot knapper wird, steigen die Preise.
Hohe Energiepreise treffen zuerst die Menschen an den Tankstellen. Öl und Gas werden aber auch für Transport, Strom und Produktion gebraucht. Steigen die Kosten etwa für Diesel, verteuert das auch die Preise für den Transport von Lebensmitteln in die Supermärkte. Beides – hohe Tankstellenpreise und steigende Lebenshaltungskosten – belastet die Wirtschaft. Für Länder wie Deutschland, die viel Energie importieren, ist das besonders problematisch
An den Börsen zeigt sich das sofort. Steigende Ölpreise schüren die Angst vor Inflation. Zentralbanken könnten gezwungen sein, Zinsen länger hochzuhalten oder sogar zu erhöhen. Kredite werden teurer, Investitionen schwieriger. Deshalb reagieren Aktienmärkte empfindlich auf jede Nachricht rund um Hormus.
Zwar hoffen viele Anleger auf eine diplomatische Lösung. Waffenruhen und Gespräche sorgen immer wieder für Erleichterung. Doch solange unklar ist, ob und wie sicher die Meerenge dauerhaft geöffnet bleibt, bleibt auch das Risiko hoch. Selbst eine schnelle Entspannung würde die Lage nicht sofort normalisieren. Im Persischen Golf stecken hunderte Schiffe fest. Lieferketten brauchen Zeit, um wieder reibungslos zu laufen.
Die Straße von Hormus ist deshalb mehr als ein regionales Nadelöhr. Sie ist ein Hebel für Energiepreise, Inflation und Wachstum weltweit. Ob beim Tanken, bei der Heizrechnung oder an der Börse: Was dort passiert, betrifft uns alle.
Die Anleger glauben dennoch an einen diplomatischen Ausgang des Irankriegs und blicken über die Wachstumsdelle hinweg, die von hohen Energiepreisen und Unterbrechungen von Lieferketten verursacht wurde.
Weltweit breit aufgestellte Indizes wie der MSCI World Index oder der FTSE All World Index sind auf neue Rekordstände gestiegen. Für langfristig orientierte Anleger mit Sparplan zeigt sich einmal mehr: Kurzfristige Krisen beeinflussen die Märkte, verändern aber selten den langfristigen Trend.