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Das aktuelle Marktgeschehen im Blick
Mittwoch, 22.04.2026
von Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank
Waffenstillstand ohne Perspektive verunsichert die Märkte
Die Verlängerung des Waffenstillstands betrachten Anleger mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Befürchtung ist, dass der Iran auf Zeit spielt – und das ist ohne freie Seewege durch die Straße von Hormus ein Problem. Der ausbleibende Fortschritt in den Verhandlungen erhöht das Risiko einer zeitlich ausgedehnten Pattsituation, die wegen teurer Energie den Ausblick für die Weltwirtschaft maßgeblich eintrüben kann. Aus einer Wachstumsdelle kann so schnell ein bleibendes Problem für Inflation und Wachstum werden. Die Angst vor Engpässen ist immer stärker zu spüren, vor allem in Deutschland und in Ländern, die auf Energieimporte angewiesen sind. Je länger die Straße von Hormus geschlossen bleibt, desto dringlicher werden die Versorgungsengpässe und desto sichtbarer die Ausfälle, die damit einhergehen.
Teure Energie: die Achillesferse des Marktes
Krieg oder Frieden? Die Börsen befinden sich in einer Situation, in der weder das eine noch das andere sicher ist. Tausende gestrichene Flüge und Spritpreise von über zwei Euro – sicher ist nur, dass der Sommer 2026 ein gänzlich anderer sein wird als sonst. Die Probleme in der Wirtschaft sind an der Börse bislang noch nicht vollständig angekommen, doch eine wachsende Zahl von Analystenhäusern korrigiert ihre Gewinnschätzungen wegen hoher Energiepreise nach unten. Diese schleichende Erosion des Vertrauens wird durch die Euphorie rund um KI-Unternehmen überdeckt. Wie lange das gut geht, kann niemand sagen. Gewinnwarnungen wegen teurer Energie bleiben die Achillesferse des Marktes. Die Stimmung der Anleger ist eine Mischung aus Unsicherheit und Vorsicht. Das kann jedoch schnell in Angst umschlagen, wenn zu viele Unternehmen Gewinnwarnungen aussprechen.
Jochen Stanzl ist Chefmarktanalyst der Consorsbank.
Zuvor war er zehn Jahre lang bei einem Broker in Frankfurt tätig und ist Mitgründer der stock3 AG, deren Aufsichtsratsmitglied er bis heute ist. Für die Kunden der Consorsbank teilt er seit November 2025 seine Börsenerfahrung von fast einem Viertel Jahrhundert.
Rechtliche Hinweise
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Sitz: Nürnberg HRB Nürnberg 31129 USt-IdNr. DE191528929 BIC: CSDBDE71 | BLZ: 760 300 80
Gold gilt traditionell als "sicherer Hafen". Umso erstaunlicher wirkt es, wenn der Preis in einer Zeit geopolitischer Spannungen fällt. Dahinter stecken mehrere Gründe, die auch über 2026 hinaus wichtig bleiben könnten.
Ein wichtiger Punkt ist das Verhalten großer Käufer. Zum Beispiel hat Polen in den vergangenen Jahren massiv Gold aufgebaut. Jetzt aber diskutiert die Regierung offen darüber, Teile dieser Bestände zur Finanzierung steigender Rüstungsausgaben zu verkaufen. Solche politischen Eingriffe verändern die Stimmung am Markt: Wird aus einem großen Käufer plötzlich ein möglicher Verkäufer, kann das den Preis drücken. Gleichzeitig sorgt die Auseinandersetzung zwischen polnischer Regierung und Zentralbank für zusätzliche Unsicherheit, weil sie das Prinzip der geldpolitischen Unabhängigkeit berührt.
Auch Russland hat Gold verkauft, um fehlende Einnahmen aus Öl und Gas auszugleichen. Dieser Verkaufsdruck könnte aber nachlassen: Denn wenn US-Sanktionen gelockert werden und die Ölpreise steigen, verdient Russland wieder mehr. Höhere Energieerlöse entlasten den Staatshaushalt – und reduzieren den Zwang, Reserven wie Gold zu verkaufen.
Hinzu kommt der geldpolitische Ausblick. Sowohl in Europa als auch in den USA steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Notenbanken die Leitzinsen anheben oder dies zumindest vorbereiten. Steigende Zinsen erhöhen die Attraktivität verzinslicher Anlagen – und machen Gold, das keine laufenden Erträge bietet, weniger interessant.
Gleichzeitig wird der US-Dollar stärker. Das liegt weniger an einer besonders starken Wirtschaft, sondern daran, dass viele Anleger eine sichere und gut handelbare Option für ihr Geld suchen. Trotzdem belastet ein stärkerer Dollar den Goldpreis, weil Gold global in Dollar gehandelt wird.
Schließlich hat Gold zuvor sehr schnell sehr stark zugelegt. Der Anstieg um über 2.100 US-Dollar von September 2025 bis Januar 2026 – also binnen kürzester Zeit – wirkte überzogen. Jetzt wird ein Teil dieser Bewegung wieder korrigiert. Auffällig ist zudem, dass Gold zunehmend, wie ein risikoreiches Investment agiert: Steigt die Unsicherheit abrupt, fällt der Preis mitunter zusammen mit Aktien. Die klassische „sicherer Hafen“-Funktion ist daher aktuell überlagert durch den Bedarf, spekulative Exzesse des alten Jahres abzubauen.
Das bedeutet aber nicht, dass Gold seinen Status als „sicherer Hafen“ verloren hat. Vielmehr erlebt der Markt eine Art technische Bereinigung. Kurzfristig bleibt der Preis schwankungsanfällig, langfristig könnte Gold aber weiter glänzen.
Regelmäßige aktuelle Einschätzungen finden Sie auf Consorsbank – YouTube – Marktkommentare von Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst Consorsbank.