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Montag, 23.02.2026
von Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank
DAX: Zollangst belastet – Suche nach Gewinnern ist gestartet
Neue Zollangst und ein drohender Angriff der USA auf den Iran belasten den DAX zu Wochenbeginn gleich doppelt. Die neue Zollangst hat bislang jedoch keinen allgemeinen Rückzug aus Aktien ausgelöst. Das zeigt, dass sich die Anleger bereits auf die Suche nach möglichen Gewinnern gemacht haben, die aus dem Urteil des Obersten Gerichts hervorgehen könnten.
Gewinner des Zollurteils
Internationale Aktien – darunter auch europäische – könnten zu den Gewinnern des Zollurteils zählen, da sich Anleger in ihrer bereits seit Monaten laufenden Abkehr von US-Aktien bestärkt sehen könnten. Schließlich muss der US‑Präsident nun erst beweisen, dass er seine politischen Vorhaben noch finanzieren kann, wenn ihm Einnahmen aus reziproken Zöllen fehlen und Zölle auf Basis alternativer Rechtsgrundlagen erst noch im Kongress durchgesetzt werden müssen. Der festere Euro gegenüber dem US‑Dollar zu Wochenbeginn ist ein Hinweis darauf. Die US-Regierung könnte gezwungen sein, gut 130 Milliarden US-Dollar an bereits gezahlten reziproken Zöllen klagenden Unternehmen wieder zurückzuerstatten. Anleger erwärmen sich zu Wochenbeginn für den Euro, da sich die EU nun auch in einer stärkeren Verhandlungsposition gegenüber der US‑Regierung befindet. Zudem sehen wir zu Wochenbeginn eine neue Dynamik im Goldpreis, der von vielen Anlegern nach dem Absturz unter 5.000 US‑Dollar bereits angezählt worden war. Gold bleibt ein sicherer Hafen, auch wenn man mit deutlich höheren Schwankungen klarkommen muss.
Was sich jetzt ändert
US‑Präsident Trump kann nun keine permanenten Zölle mehr per Unterschrift aktivieren oder deaktivieren – damit verliert er die Rechtsgrundlage für ein zentrales Element seiner politischen Agenda. Für permanente Zölle benötigt er die Zustimmung des Kongresses, und hier kann er sich angesichts der Abweichler in den eigenen Reihen keiner Mehrheit mehr sicher sein. In der Handelspolitik könnte sich die US‑Regierung nun also Ländern gegenübersehen, die selbstbewusster in Verhandlungen gehen. Viele bereits verhandelte Zollabkommen stehen potenziell wieder zur Disposition – darunter auch das noch nicht ratifizierte Abkommen der EU mit den USA.
Jochen Stanzl ist Chefmarktanalyst der Consorsbank.
Zuvor war er zehn Jahre lang bei einem Broker in Frankfurt tätig und ist Mitgründer der stock3 AG, deren Aufsichtsratsmitglied er bis heute ist. Für die Kunden der Consorsbank teilt er seit November 2025 seine Börsenerfahrung von fast einem Viertel Jahrhundert.
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Der DAX startet turbulent ins neue Jahr. Nach einem starken Auftakt hat der Index inzwischen seine gesamten Gewinne seit Jahresbeginn wieder abgegeben – ausgelöst durch neue Zolldrohungen von US-Präsident Trump, die die nervösen Märkte verunsichert haben. Die Warnung vieler Experten, dass Anleger außergewöhnlich gering abgesichert sind, hat sich damit als richtig erwiesen: Die unerwartete Zolldrohung führte zu einem dramatischen Rücksetzer.
Am grundlegenden Trend ändert das jedoch wenig – sofern die Zolldrohungen nicht in konkrete Maßnahmen münden. Denn die Kräfte, die die alte Industrie zurück auf die Favoritenlisten der Anleger bringen, wirken weiter mit hoher Dynamik.
Die Explosion bei KI‑Rechenzentren bleibt der zentrale Treiber. Die dafür benötigten Serverfarmen verschlingen enorme Mengen an Kupfer, Aluminium, Nickel, Silber, Beton und Seltenen Erden. Kupfer und Silber markieren Rekordstände, weil das Angebot begrenzt ist und Jahre der Unterinvestition nun Engpässe schaffen. Die alte Industrie profitiert unmittelbar und nachhaltig von dieser Entwicklung.
Gleichzeitig stützen massive staatliche Investitionsprogramme weltweit den Trend. Infrastruktur, Energie und Rüstung werden mit Milliarden gefördert – nicht nur in den USA und in Deutschland. Neue Fabriken für Rüstungsprojekte erhöhen den Kapitalbedarf und stärken auch den Bankensektor.
2025 erlebten Value-Aktien ein Comeback nach 8 Jahren Tech-Dominanz. Die neuen Schwerpunkte – Industrie, Bau, Rüstung, Infrastruktur und KI‑Rechenzentren – wirken wie maßgeschneiderter Rückenwind für diese Unternehmen.
Hier spielt der DAX seine besondere Stärke aus: Kaum ein anderer Index ist so stark mit Industrie-, Bank- und Rüstungswerten besetzt. Die Zusammensetzung des Index trifft exakt den Nerv der Zeit – entsprechend stark fiel der Anstieg zum Jahresstart aus, bevor die jüngsten Zolldrohungen ihn ausbremsten.
Außerdem gibt es viele Anleger, die nicht mit jeder Aktion von US‑Präsident Trump einverstanden sind. Wegen Venezuela, Grönland, den wiederholten Zolldrohungen oder wachsenden Zweifeln an der Wahrung der Unabhängigkeit der US‑Notenbank – die Liste ist lang – halten sie Ausschau nach Alternativen zu US‑Aktien, wovon der DAX strukturell profitiert.
Fazit: Die Renaissance der alten Industrie ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines gezielten Kalküls taktischer Anleger, steigenden Rohstoffbedarfs, massiver staatlicher Investitionsprogramme, geopolitischer Realitäten und des KI‑Rechenzentrumsbooms. Für Anleger bleibt der DAX damit einer
der großen Gewinner – solange sich die politischen Risiken nicht materialisieren.
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