Die Renaissance der Kernenergie
Key Messages:
- Mehr politische Unterstützung: in den vergangenen Jahren hat sich die globale politische Unterstützung für Atomenergie – insbesondere in den USA – deutlich verstärkt
- Strukturelle Wachstumsimpulse: US Hyperscaler zählen zu den großen Treibern einer wachsenden Stromnachfrage. Diese sollte emissionsarm und grundlastfähig sein
- Die Wahrnehmung ändert sich: nur wenige Fonds schließen das Thema noch aus und auch Entwicklungsbanken haben sich zuletzt wieder offen für die Finanzierung gezeigt. Beides könnte zukünftiges Wachstum stützen.
Die Nachfrage nach Strom wächst
Die Digitalisierung der Wirtschaft, der Siegeszug der Cloud und der rasante Anstieg der Künstlichen Intelligenz führen zu einem starken Wachstum des Datenverkehrs. Jede einzelne Suchanfrage, jeder KI-Prompt und jedes Video-Streaming laufen über Rechenzentren, die zumeist an allen Tagen und Stunden eines Jahres auf voller Leistung arbeiten. Der größte Anteil des Stroms fließt direkt in die IT-Hardware, d.h. in Prozessoren, GPUs für KI, Speicher und Netzwerkkomponenten. Bei der Durchführung der Rechenoperationen erhitzen sich diese Bauteile wiederum sehr stark. Etwa 20 % des Stroms werden benötigt, um die Abwärme der Server durchzuführen. Dafür werden Kaltluft, Kaltwasser, Lüfter, Pumpen oder ggfs. Kältemaschinen benötigt (Quelle: KI lässt Strombedarf steigen: Rechenzentren verbrauchen 2030 doppelt so viel | heise online). Je dichter die Racks bestückt sind (z.B. KI-Racks mit sehr hoher Leistungsdichte), desto mehr Kühlung ist nötig. Schließlich geht ein weiterer Teil in die unterbrechungsfreie Stromversorgung, Transformatoren und Verteiltechnik, die Verluste erzeugen, obwohl sie nur „Bereitschaft“ bieten. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) beziffert den globalen Stromverbrauch durch Rechenzentren im Jahr 2024 auf 415 Terrawattstunden (TWh), was rund 1,50 % des weltweiten Stromverbrauchs entspricht. In einer Basisprognose der IEA könnte der globale Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 auf 945 TWh ansteigen. Damit würde die Branche für knapp 3 % des weltweiten Stromverbrauchs verantwortlich sein.
Strombedarf von US-Rechenzentren in Gigawatt und jährliches Wachstum des US-Strombedarfs in %. Zum Vergleich: in den Jahren von 2005 bis 2020 betrug das Wachstum 0,1% pro Jahr und zwischen 2020 und 2026 1,7% pro Jahr (Quelle: EIA)
Das Comeback der Kernenergie
KI – Rechenzentren und Kernenergie: eine strategische Allianz
Die Wahrnehmung zur Kernenergie ändert sich
Weltweit hat sich die Wahrnehmung des Themas in letzter Zeit verändert. Laut Daten der US-Investmentbank Morgan Stanley hatten im Dezember 2024 nur 2,30 % der weltweit verwalteten Vermögen eine Ausschlusspolitik für Kernenergie. Dies ist niedriger als bei den Ausschlüssen für Alkohol (2,90 %), Rüstung (4,70 %) und Glücksspiel (5,10 %). Während europäische Anleger nach wie vor die höchste Ausschlussquote aufweisen, sank sie von 10,90 % im Dezember 2023 auf 8,40 % im Dezember 2024. Im Gegensatz dazu sind die Ausschlussquoten in anderen Regionen deutlich niedriger. Nur 0,30 % der in Nordamerika und 0,60 % der in Asien beheimateten Vermögen schließen derzeit Atomkraft aus (Quelle: BNP Paribas Wealth Management Private Banking).
Was die Finanzierung betrifft, so hat die Aufhebung des jahrzehntelangen Verbots der Finanzierung von Kernenergie durch die Weltbank ein Signal an andere Entwicklungsbanken gesendet. Die Asiatische Entwicklungsbank erwägt ebenfalls einen ähnlichen Schritt, was eine sich verbreitende Dynamik unter den Entwicklungsbanken signalisiert, Kernenergie als Teil der globalen Energiewende zu unterstützen. In Verbindung mit Europa, China und Japan, welche die Kernenergie in ihre jeweiligen Taxonomien als Übergangstechnologien aufgenommen haben, sollte dies die Zuflüsse von nachhaltigen Anlagen in der nuklearen Lieferkette in Zukunft erleichtern (Quelle: BNP Paribas Wealth Management Private Banking)
Der Investment Case: Uran, Technologie & Betreiber von Kernkraftwerken
Für Anleger stellt sich die Frage, wie man diesen Investmenttrend sinnvoll in einem Portfolio abbilden könnte. Der Investment Case lässt sich auf drei Ebenen strukturieren:
1) Förderung/Verarbeitung des Brennstoffes (Uran)
Der Spotpreis für Uran liegt Anfang 2026 bei 85 US-Dollar pro Pfund und damit bereits deutlich über dem Niveau vor dem Jahr 2020, als er zeitweise sogar unter 30 US-Dollar notierte. Diese Entwicklung signalisiert bereits, dass der Markt mit einem anziehenden Bedarf an Strom rechnet, während das Uran-Angebot durch geopolitische Risiken, Förderkürzungen und einer begrenzten Anzahl neuer Projekte eher moderat wächst. Profitieren davon könnten Minengesellschaften und Produzenten aufgrund steigender Margenpotenzialen – allerdings bei hoher Volatilität! Gemäß der World Nuclear Association stammen rund drei Viertel der weltweiten Uranminen-Produktion aus nur drei Ländern: Kasachstan (rund 40 % Marktanteil), Kanada (rund 24 % Marktanteil) und Namibia (rund 12% Marktanteil). Damit ist die Uranförderung stark regional konzentriert geopolitisch sehr sensibel. Ausfälle von einem dieser Produzenten könnte stärkere Auswirkungen auf den Preis haben.
Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für die Zukunft.
Quelle: Bloomberg / BNP Paribas Wealth Management
2) Technologieanbieter & Betreiber von Atomkraftwerken
Auf der Technologie- und Betreiberebene dürften Unternehmen von Neubauprojekten, Laufzeitverlängerungen vor allem aber von der Entwicklung neuer Reaktorkonzepte wie den SMRs (Small Modular Reactors) profitieren. Dazu dürften Technologie-Anbieter, Bauunternehmen, Betreiber von Kraftwerken und Dienstleister für Wartung und Sicherheitsupgrades zählen. Die Entwickler von SMRs dürften vor allem von den Rechenzentren als neuem Kundensegment profitieren. Aber: bislang ist weltweit noch kein Pilotprojekt mit den sogenannten SMRs am Netz. Zwar gilt Kanada als Vorreiter bei der Planung von Small Modular Reactors (SMR), mit der Fertigstellung des ersten wird aber nicht vor Ende 2029 gerechnet.
Fazit
Die Chancen des Anlagetrends liegen vor allem in der Kombination aus strukturellem Nachfragewachstum und politischem Rückenwind. KI-Rechenzentren dürften auch in den kommenden Jahren hohe Wachstumsraten beim Stromverbrauch aufweisen und werden angewiesen sein auf grundlastfähige und saubere Energie. Dieser doppelte Wachstumstreiber unterscheidet die nukleare Renaissance von klassischen, rein zyklischen Energie-Themen.
Demgegenüber stehen Risiken, die Anleger auf jeden Fall mitberücksichtigen sollten. Uranpreise sind stark schwankungsanfällig und reagieren sehr sensibel auf Angebotsstörungen oder Nachfragerevisionen. Politische Kurswechsel und lokale Vorbehalte gegenüber der Kernenergie könnten Projekte verzögern oder gar stoppen, Genehmigungsverfahren sind lang und Kostenüberschreitungen bei derart komplexen Projekten nicht unüblich.
Trotz der jüngsten Outperformance scheint das Thema angesichts des starken Nachfragewachstums nach emissionsfreier Grundlastenergie gut aufgestellt zu sein, um langfristig orientierten und risikobewussten Anlegern die Chance auf weitere Kursgewinne zu ermöglichen.
Beispielhafte Produkte zur Anlage in den europäischen Aktienmarkt
VanEck Uranium & Nuclear Technologies UCITS ETF (ISIN: IE000M7V94E1)
Der ETF von VanEck positioniert sich als fokussierter, aber breit über die Wertschöpfungskette gestreckter Themen ETF mit physischer Replikation und moderaten Kosten. Der zugrundeliegende Index investiert in Unternehmen entlang der gesamten nuklearen Wertschöpfungskette: Uranförderer, Betreiber und Entwickler von Kernkraftwerken sowie Anbieter von nuklearer Infrastruktur und Technologien. Der Ansatz ist global mit wesentlichen Titeln aus den USA, Kanada und Japan. Mit einem Fondsvolumen von rund 1,9 Mrd. EUR zählt er zu den größten ETFs in diesem Segment. Die TER liegt bei 0,55 % p.a..
Global X Uranium UCITS ETF (ISIN: IE000NDWFGA5)
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